Ein Stückchen Kabinett für die Bibliothek
Das Literaturmuseum «Kabinett für sentimentale
Trivialliteratur» siedelt in die Zentralbibliothek
Solothurn über.
von Franz Beidler – Solothurner Zeitung vom 06.07.26
Das «Kabinett für sentimentale Trivialliteratur» zieht in die Zentralbibliothek Solothurn um: «Die Bibliothek übernimmt unseren kompletten Bestand», erzählt Peter Probst, Präsident der Ravicini-Stiftung, die hinter dem Literaturmuseum steht. Die Sammlung aus rund 3000 Büchern und Zeitschriften soll voraussichtlich im Herbst 2027 am neuen Ort an der Bielstrasse wieder öffentlich zugänglich sein.
Das «Kabinett für sentimentale Trivialliteratur» wurde von der Solothurner Journalistin und Modekennerin Lotte Ravicini-Tschumi Mitte der 1990er-Jahre ins Leben gerufen. «Sie hatte schon damals angedacht, ihre Sammlung in der «Heerfort und Klärchen» aus dem Jahre 1784: Die Sammlung umfasst Werke aus rund 150 Jahren Literaturgeschichte vom Ende des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Zentralbibliothek unterzubringen», erzählt Probst von der Stiftungsgründerin. Bei der damaligen Bibliotheksleitung stiess Ravicini aber auf wenig Interesse.
Bisheriges Haus gehört nicht der Stiftung
Als Probst im Jahr 2002 Co-Direktor der Zentralbibliothek wurde, hatte die umtriebige Sammlerin Ravicini bereits ein Zuhause für ihr «Kabinett» gefunden: Das Haus am Klosterplatz 7, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann gekauft und renoviert hatte. Hier machte sie ihre Sammlung öffentlich: sogenannte Frauenliteratur aus 150 Jahren Literaturgeschichte vom Ende des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit einem Kostümzimmer und einem Lesesaal mit Biedermeiermöbeln richtete Ravicini das «Kabinett für sentimentale Trivialliteratur» als eine Mischung aus
Bibliothek und Museum ein.
Vor fünf Jahren verstarb Gründerin Ravicini. Da begann sich abzuzeichnen, dass das Literaturmuseum werde umziehen müssen, erzählt Stiftungspräsident Probst. «Denn das Haus gehört nicht der Stiftung», hält er fest. Die Eigentümerschaft habe signalisiert, dass sie den laufenden Mietvertrag kein weiteres Mal verlängern will. Probst betont, dass die Trennung von Haus und «Kabinett» in gutem Einvernehmen
erfolge: «Das ging alles in Minne über die Bühne.» Anders als noch Ravicini vor dreissig Jahren stiess Probst letzten Herbst bei der Zentralbibliothek auf offene Ohren. Direktor Amir Bernstein sei auf Anhieb davon begeistert gewesen, die «sentimentale Trivial-literatur» zu beherbergen, berichtet Probst.
Ian Holt, stellvertretender Direktor der Zentralbibliothek und Leiter der Abteilung Sondersammlungen ordnet ein: «Die Sammlung von Gründerin Ravicini ist etwas Besonderes.»
Denn die sogenannte Frauenliteratur war zur Zeit ihres Erscheinens eben als trivial und sentimental, also eigentlich als minderwertig verschrien. Zeitgenossen sammelten sie deshalb nicht. Viele Werke gingen verloren. «Heute
beurteilen wir diese Literatur anders», so Holt. «Ravicini war eine der ersten, die sich ihr widmeten.» Ihre Sammlung ist denn auch im Handbuch der historischen Buchbestände der Schweiz verzeichnet. Für die Zentralbibliothek sei die
Sammlung ein Glücksfall, so Holt.
«Salon-Atmosphäre»
soll erhalten bleiben
Stiftungspräsident Probst empfindet das ebenso: «In der Zentralbibliothek ist der Fortbestand der Sammlung gesichert», hält er fest. Dank der umfangreicheren
Öffnungszeiten der Bibliothek werde sie ausserdem noch zugänglicher. So unterschrieben die beiden Parteien Ende Juni die entsprechenden Verträge.
In der Zentralbibliothek werden dem Kabinett zwei Räume zur Verfügung stehen, die jeweils eine Wechselausstellung zeigen sollen. «Wir wollen die Salon-Atmosphäre vom Klosterplatz einfangen», erklärt Holt. Deshalb sollen zum Beispiel die Räume im Stil der Epoche eingerichtet werden. Angedacht sind auch Veranstaltungen wie zum Beispiel Lesungen. Die Führungen, die bisher jeden 7. Tag im Monat stattfanden, werden hingegen nicht weitergeführt. So wird denn die kommende vom Dienstag, 7. Juli, die voraussichtlich letzte ihrer Art in den alten Gemäuern am Klosterplatz sein.
Danach wird die Sammlung ihren Umzug antreten. Der führt über die Stadt Leipzig in Deutschland, wo die Bücher und Zeitschriften entsäuert werden – ein spezielles Verfahren, um das alte Papier vor dem Verfall zu schützen. «So sollte die Sammlung die nächsten hundert Jahre überdauern», sagt Stiftungspräsident Probst.
Die voraussichtlich letzte Führung durch das «Kabinett für sentimentale Trivialliteratur»: Dienstag, 7. Juli, 19 bis 20 Uhr, Klosterplatz 7, Solothurn.
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